Ehrlich gesagt hätte ich nie gedacht, dass ich einmal einen so persönlichen Text veröffentlichen werde. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass mir das einfach fällt, aber wenn ich nicht so verdammt schamerfüllt gewesen wäre, hätte ich mir möglicherweise die letzten 5 Jahre weitaus lebenswerter gestalten können. Daher teile ich mit euch den ersten Teil meiner Ernährungsumstellung, obwohl ich mich insgeheim sowohl vor Reaktionen, als auch vor anonymen Kommentaren fürchte. Das gebe ich hiermit ehrlich zu und schreibe es dennoch nieder:

Ich habe mein Gehirn neu „programmiert“: Es gibt Menschen die nehmen ab, wenn es ihnen schlecht geht und es gibt Menschen wie mich, die Ihren Kummer heiß frittiert in Nutella baden möchten. Ich bin so ein Nutellamensch.

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Vor ein paar Jahren ist mein Leben aus den Fugen geraten und ich habe jeglichen Stress und Ärger kompensiert, indem ich mich gnadenlos mit allem zugestopft habe, dass knusprig, zuckersüß oder fettig ist. Spätestens wenn man anfängt an der Supermarktkasse gequält „Kindergeburtstag“ zu nuscheln, wenn man sich mit sämtlichen Großpackungen für den Abend eindeckt, weiß man, dass sich etwas ändern muss.
Ich habe mit Frust- und Stressessen insgesamt 30 kg zugenommen – in nur einem Jahr. Mit jedem steigendem Kilo auf der Waage sind mein Selbstbewusstsein, mein Wohlbefinden und vor allem auch meine Gesundheit immer mehr in den Keller gerutscht. Ich fing an das Haus nicht mehr ohne schwarzen Cardigan zu verlassen. Beinahe 5 Jahre lang hat kaum ein Mensch meine Arme oder Beine zu Gesicht bekommen. Egal ob ich irgendwo auf der Welt war, wo mich niemand kannte oder ob es Hochsommer war, ich habe mich massiv geschämt und wollte mich verdecken. Ich bin immer seltener vor die Tür gegangen und ich war es leid, dass man mich ständig fragte ob mir nicht viel zu warm sei. Letztendlich habe ich 5 Jahre lang versucht krampfhaft mit jeglichen Methoden abzunehmen. Ich habe jede noch so perverse, destruktive oder radikale Diät ausprobiert und ich habe immer mal wieder etwas abgenommen und ich muss vermutlich keinem erklären, wie das ausgegangen ist.

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Ich habe mir in diesen 5 Jahren keine einzige Hose gekauft, weil ich mir immer eingeredet habe, dass ich bestimmt bald wieder in meine alten Sachen passe und es mir nicht eingestehen wollte und tatsächlich auch, weil ich überhaupt nicht in normale Kleidergrößen gepasst habe. Das sieht man mir nicht sofort an:
Ich bin ein Mensch mit sogenannter Stammfettveranlagung: Das heißt ich nehme hauptsächlich an Bauch, Rücken und Hüften zu und meine Beine, Arme und mein Hintern bleiben relativ schlank. Daher habe ich Jahre lang Kleider getragen. Glückliche Verteilung? Nicht wirklich, denn wer hauptsächlich Stammfett ansammelt neigt viel eher zu Krankheiten als Menschen, die eher an Hintern und Beinen zunehmen. Also trug ich 5 Jahre lang beinahe ausnahmslos Kleider oder Pseudohosen, nennt sich Jeggings… Jeans + Leggings, mit Gummibund und einer Passform, in der man garantiert unfassbar scheiße aussieht. Außerdem rutschen diese fiesen Mutantenhosen einem gnadenlos in die Kniekehlen. Spaß war das nicht. Dann noch ein knielanges Kleid über die Leggings/Jeggings/Strumpfhose, am besten noch große Boots, ein langer Cardigan und noch ein Schal, der mein Gesicht von unten kaschiert, während mein Pony von oben möglichst viel verdeckt. So sahen die letzten 5 Jahre für mich aus, die es immer geliebt hat unkompliziert in ihre Lieblingsjeans zu schlüpfen und dazu irgendein T-Shirt zu tragen. Ich wusste mir nicht besser zu helfen.

vnIch habe mich ständig erklärt, als müsste ich den Menschen auf die Nase binden, dass ich ja „eigentlich“ viel schlanker bin. Als wäre das von Interesse und als würde es irgendetwas ändern. Gleichzeitig habe ich aber auch miterlebt, wie sich das Verhalten so vieler Menschen verändert hat, durch meine Gewichtszunahme. Für einen Teil der Menschen bin ich unsichtbar geworden, andere fanden es furchtbar amüsant und immer wieder wurde ich zutiefst verletzt und habe mich direkt mit einem Fass Häagen-Dazs belohnen müssen. „Die Nina die wir kennen, wäre nie so undiszipliniert.“ hörte ich von meinem ehemaligen Freundeskreis. „Wann siehst du wieder aus wie früher?“, fragten mich Männer die ich kennen lernte. Manchmal traf ich Menschen wieder und sie fragten mich: „Was ist um Gottes Willen passiert?“, als würde mir ein Körperteil fehlen. Je verletzter ich war, desto verbissener ich versucht habe abzunehmen, desto heftiger bin ich gescheitert.

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Letztes Jahr habe ich irgendwann entschieden meinen Cardigan abzulegen und bewusst mit nackten Armen vor die Tür zu gehen. Ich hatte die Sonne schon so lange nicht mehr an meiner Haut gespürt und es war mit zutiefst peinlich, wie mich direkt jeder laut darauf ansprach. Aber es war ein erster Schritt. Der nächste Schritt war es schwimmen zu gehen, vor anderen Menschen, mit meinem in meinen Augen ruinierten Körper. Ich hab es durchgezogen und nachdem ich diese beiden Hürden überwunden hatte und ein entspannteres Verhältnis zur Situation aufgebaut hatte, konnte ich richtig abnehmen. Es mag geschwollen klingen, aber ab dem Zeitpunkt an dem man seinen Körper als einen Freund betrachtet, fällt einem einiges leichter. Dialoge mit mir selbst veränderten sich von: „Du armes dickes blondes Fettschwein, iss am Besten sofort einen Eimer Eis um den Schmerz zu verkraften!“ zu „Junges Fräulein, wie wäre es mit einer Avocado, die macht dein Gehirn fit und schmeckt dir. Du bist produktiv, tust dir was Gutes und fühlst dich sicher bald besser.“ Ich habe versucht bewusst nach Essen zu suchen, dem positive Eigenschaften nachgesagt werden, wie Beeren, die ungemein entgiftend sind oder Nüssen, die sättigend sind und die Konzentration fördern. Ich habe versucht diese Lebensmittel in Situationen bewusst zu genießen und mir vor Augen zu halten, wie meine Energieleisten füllen. Wichtig war auch, dass ich mich genau damit beschäftigt habe, was ich wirklich möchte. Wenn ich massiv Heißhunger auf etwas Süßes hatte, habe ich mich gefragt ob es knusprig sein soll oder ob es kalt sein soll. Ich habe versucht mir genau das zu geben, was ich wirklich „haben will“. Es bringt ja nichts sich Schwarzbrot frustriert reinzustopfen, wenn man eigentlich etwas Süßes haben möchte, nur um dann doch noch Nachts zur Tanke zu fahren, um dann vor lauter Frust, umso mehr in sich hinein zu stopfen. Ist ja „nur noch heute Abend“… und der Abend darauf, drei Tage später wieder… Und plötzlich sind 5 Jahre um. Wenn man es erst einmal geschafft hat seine Bedürfnisse richtig einzuordnen ist schon der halbe Weg geschafft. Man muss nicht immer streng mit sich sein, aber man sollte es gerade am Anfang recht oft sein.

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Denn erstens sensibilisiert man seine Geschmacksnerven und nach längerer Abstinenz schmecken viele Sachen auf einmal absurd süß und man kann gar nicht mehr so viel auf einmal Essen und Zweitens ist das menschliche Hirn extrem lernfähig und je öfter man sich zusammen reißt, desto disziplinierter wird man auf Dauer.
Wenn man sich einmal angewöhnt hat, sich mit Essen zu belohnen, verlangt das Gehirn automatisch in Stresssituationen danach. Es gab Abende da hätte ich durchdrehen können, wenn ich mich nicht mit einem Schnitzel mit Pommes belohnen können. Nachdem ich angefangen habe mich mit den Eigenschaften von Nahrungsmitteln auseinander zu setzen, habe ich versucht mir zu sagen: „Wenn du jetzt ein Schnitzel mit Pommes isst, fühlst du dich schwer, schwitzig und dir wird übel. Gönn dir doch ein gutes Stück Lachs und frisch gegrilltes Gemüse. Das tut dir gut, du wirst dich leicht und besser fühlen.“ Der Trick ist natürlich Dinge zu finden, die einem trotzdem schmecken. Ich esse mit Sicherheit nichts, das mir überhaupt nicht zusagt. Ich dachte immer Pommes wären meine große Liebe, ich esse sie immer noch ganz gerne, aber wenn ich die Wahl habe nehme ich inzwischen gegrilltes Gemüse. Es ist lecker, gesund, mir wird nicht übel und das sollte einem wichtiger sein, als die Gewichtsabnahme. Man sollte sich selbst vor Augen halten, dass man sich um seinen Körper kümmert, damit es ihm gut geht, anstatt sich ständig zu sagen: „Ich muss jetzt dünn werden!“ Dieses Umdenken war für mich der erste Schritt und ich verstehe diese ganze „Du musst dich erstmal selbst akzeptieren“-Kiste erst so wirklich, seit ich an den Punkt gekommen bin.
Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit.

Hier geht es zum zweiten Teil.