März 2015: Ich hatte fast 40 Grad Fieber, null Ambitionen und 15 unerotische Stunden auf Tinder.

“Kann mich nicht einfach mal jemand in der Straßenbahn auf mein Buch, meine Playlist oder meinen She-Ra-Pullover ansprechen?” Meine Wunschvorstellung davon, wie man sich fernab von peinlichen Anmachversuchen in Clubs und dem Internet “aufgabeln” kann, habe ich schon oft genug runter geleiert.

eternal-sunshine-of-the-spotless-mind_train

“Wenn man sich den Dingen widmet, die man liebt, begegnet man so oder so irgendwann der richtigen Person, ohne es zu forcieren.” Schön und gut. Nun war ich aber grippig und frustriert und genervt und ein guter Freund schlug mir vor, mir doch einfach mal Tinder anzuschauen. Das fasste ich beinahe als Beleidigung auf und war erstmal empört. So lange bis meine Langweile Überhand gewann und ich mich einfach angemeldet habe. Für immerhin 15 Stunden.

tinder-1800-1386265003

Erstes Problem war, dass ich wohl oder übel nicht wählerisch genug für eine Plattform bin, die darauf basiert, das man sich auf den ersten Blick “für” oder “gegen” eine Person entscheidet. Ich kann mich nicht einfach so entscheiden, weil ich sofort darüber nachdenke ob Quasimodo möglicherweise total toll Gitarre spielen kann oder das selbe Lieblingsbuch hat. Dann wäre er ja eigentlich schon wieder super. So läuft das bei Tinder aber nicht…

Ich war vollkommen irritiert, wie wenig Informationen man über sich angeben kann und beim Durchlesen der meisten persönlichen Beschreibungen, gespickt mit sämtlichen peinlichen Emojis wurde mir ziemlich übel. Ich war jedoch überrascht, wie viele Personen, die dort angemeldet sind recht “normal” und “passabel” wirkten. Meistens fiel mir keine bessere Frage ein als: “Was zur Hölle machst du auf dieser behinderten Plattform?” In meinem Kopf ist immer noch das Klischee, das man sich eigentlich nur bei “sowas” anmeldet, wenn man eine richtige Macke hat.

tumblr_static_cr14wp6e3dw04o40ck4008wos_640_v2

Ich habe ein paar Dialoge begonnen, kam mir dabei aber vor, wie bei der Fließbandarbeit. Ich habe versucht mich auf ganz wenige Kontakte zu konzentrieren, fühlte mich aber sofort schlecht, wenn ich dafür anderen Personen nicht antwortete. War ich zu menschlich für Tinder?

Dann ist da natürlich noch diese “spontane” Witzigkeit, mit der einem jeder begegnet. Alle sind so lockerflockig und alle “wollen mal sehen was daraus wird”.

Und dann wird in Nebensätzen abgesteckt, ob denn die Grundvoraussetzungen, wie ein guter Musikgeschmack schon mal stimmen. Außerdem ist verdammt nochmal jeder Mann aus München ein totaler Naturbursche und verbringt 90% der Zeit in den Bergen. Es ist also kein Wunder, dass mich niemand in der Straßenbahn freundlich anspricht, wenn sie alle permanent in Berggipfeln unterwegs sind.

Möchte ich eine von 50 Matches sein, die dann doch mal Zeit hatte und die zufällig den richtigen Songwriter genannt hat? Eigentlich nicht. Ich hab mich wieder abgemeldet und fahre weiterhin Straßenbahn.

Favim.com-adventure-boy-cliff-guy-mountain-349242