In den letzten Jahren habe ich mich mehr denn je nach Leichtigkeit gesehnt. Es waren nicht nur die überflüssigen Kilos die mich runter gerissen haben, sondern auch sämtlicher materieller Ballast, der sich im Laufe der Jahre angesammelt hat. Unzählige Kisten voller Erinnerungen, unerledigter Baustellen, Ersatzteile, ans Herz gewachsener Müll und all das was ein buntes Leben mit sich bringt.

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Clueless

Eine Zeit lang habe ich mir eingeredet, dass dieses bunte Sammelsurium eine Art Lebenswerk ist und ich habe mir sämtliche Gründe ausgemalt, wieso ich mit Recht so viel Ballast mit mir rumtrage. Nostalgie, Unentschlossenheit und Faulheit sind keine gute Kombination.

Jeder kennt vermutlich das Gefühl, das unerledigter Ballast mit sich bringt. So etwas wie ein überquellender Keller, von dem man genau weiß, dass man ihn irgendwann ausmisten muss. Man kann es von sich weg schieben, aber es ist immer noch da und es wiegt.

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Als ich vor ein paar Jahren sehr spontan nach Japan geflogen bin und mich dort ein paar Wochen alleine aufgehalten habe, fing ich an umzudenken. Ich erlebte so viele neue Impulse, dachte so oft “So etwas Schönes habe ich noch nie gesehen/gegessen/gemacht.” Ich fühlte mich leicht und lebendig und alles was ich dabei hatte war ein Koffer.

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Immer wieder kam mir der Gedanke, wie es mir wirklich gehen würde, wenn ich jetzt einfach dort bleiben würde. Alles zurück lassen könnte. All die Möbel, den ganzen Alltag, die Kisten, die Baustellen – den Ballast. Was würde überwiegen? Das Gefühl der Befreiung oder der schmerzhafte Verlust der Erinnerungen und der materiellen Werte? Keine leichte Frage.

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Kurz nach meinem Urlaub sah ich Jason Reitmanns Tragikkomödie Up in the Air, die auf einem Buch von Walter Kirn basiert. Vielflieger und überzeugter Einzelgänger Ryan Bingham, gespielt von George Clooney, hält darin Vorträge, die sich genau mit diesem Gedanken beschäftigen.

“Stellen Sie sich vor, Sie trügen einen Rucksack auf dem Rücken. Spüren Sie die Trage-Riemen auf ihren Schultern? Und nun packen Sie ihn, mit all den Dingen, die ihr Leben ausmachen, angefangen mit den kleinen Sachen. Na, was so in den Regalen liegt und in Schubladen – Die Souvenirs. Spüren Sie das Gewicht? Es wird schon mehr. Dann kommen die größeren Sachen. Kleidung, Bettwäsche, Ihr Fernseher. Mittlerweile ist der Rucksack schon schwerer. Nehmen wir noch mehr. Das Sofa, das Bett, die Kücheneckbank; stopfen Sie alles da rein. Ihr Auto, das auch. Ihr Zuhause. Egal, ob es sich um eine Einzimmerwohnung handelt oder ein freistehendes Haus. Egal wie groß. Stopfen sie alles da rein. Jetzt versuchen sie zu gehen. – Auszug aus dem Vortrag “What’s in your Backpack?”

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Ich brauchte keinen leichten Rucksack, aber mein Entschluss wurde immer klarer: Ich muss reichlich Ballast los werden. Aber wo fängt man an?

Viele meiner Kisten waren voll mit Schnipseln, Servietten, Bierdeckeln, Ausschnitten, Postkarten und kleinen Briefchen. Lauter wundervolle Erinnerungen, die leider immens viel Platz einnehmen, wenn wir sie einfach nur ansammeln. Diese ganzen lieb gewonnenen Schätze einfach in Kisten zu stopfen, die sich nach und nach stapeln, wird dem Wert jedoch auch nicht gerecht. Also wollte ich ihnen einen angemessenen Rahmen zuteilen.

Ich nahm mir einen gemütlichen Nachmittag Zeit, um mich meinem persönlichen Nostalgie-Chaos zu widmen.

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Ich sortierte die Erinnerungen in Themenbereiche, wie zum Beispiel Tokyo, Schulzeit, Düsseldorf…

Dann legte ich mir schöne Alben zu, die ähnlich aufgebaut sind wie Fotoalben, nur auch Einstecktaschen für andere Formate haben. Einige Erinnerungen sammelte ich auch in thematisch passenden Kisten. Zum Beispiel eine kleine Box, mit einem schönen Kimonomuster für Erinnerungen aus Japan.

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Manche Dinge fotografierte ich einfach ab, anstatt sie zu behalten. Ich legte mir digitale Ordner an, mit Fotos von manchen Erinnerungsstücken, die ich nicht unbedingt behalten musste. Oft lohnt es sich eine Art “Best of” zu erstellen, in dem die guten Stücke nicht untergehen, sondern als eine schöne kleine Sammlung zu Geltung kommen.

Vor allem zerfetzte Zeitungsausschnitte, die ich ewig aufbewahrt hatte, weil mich ein Rezept interessiert hat, fotografierte oder tippte ich einfach schnell ab. Immer wieder hatte ich einen Block parat, um Sachen zu notieren, die ich nachschlagen wollte.  Denn ich hatte die Angewohnheit häufig Zettel aufzubewahren, die mich lediglich daran erinnern sollten mich mit etwas auseinander zu setzen.

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Die gefüllten Alben ließen sich ordentlich im Regal verstauen, die Kisten ließen sich dekorativ stapeln. Ich wusste genau, welche Erinnerung ich in welchem “Schatzkästchen” finde.

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Von einer Menge konnte ich mich trennen, weil ich auf einmal Ästhetik und Qualität in der reduzierten Sammlung erkennen konnte. Manche Erinnerungen rahmte ich ein, manche verschenkte ich an gute Freunde und erklärte ihnen, wieso ich ihnen gerade dieses “Artefakt” geben möchte. So verschenkte ich zum Beispiel ein altes Poster, dass mir sehr ans Herzen gewachsen war, aber fünfzehn(!) Jahre nicht aus der Kiste genommen wurde, an jemandem von dem ich wusste, dass er es zu schätzen weiß und garantiert einrahmen wird. Ein anderes Poster, aus einem ganz alten Magazin, steckte ich in einen schönen neuen Rahmen und brachte es neu zur Geltung.

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Immer wieder stellte ich mir die Frage: “Hat das noch Platz in meinem schönen Zuhause?”, “Brauche ich das?”, “Hätte jemand anders eine bessere Verwendung dafür?”. Verschenken und Spenden macht Weggeben weitaus einfacher, als einfach nur alles in den Müll zu pfeffern.

Oft bewahrte ich Sachen auf, weil sie im Weiterverkauf fast wertlos waren, aber mal sehr teuer waren. Irgendwann hatte ich so viel davon angesammelt, dass ich mit einem Blitzverkauf auf dem Flohmarkt eine beträchtliche Summe zusammen bekam. Nicht weil ich die Stücke, an genau die Person, gebracht hatte, die einen extrem hohen Preis dafür zahlen will, sondern weil es eben schon so viel war, dass sich sämtliche 5-Euro-Beträge addierten.

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“Ist es das wert, mir jetzt so viel Aufwand mit Ebay, Händlern etc. zu machen?”, “Wie viel ist unsere Zeit wert?”. Ich entwickelte langsam eine Sucht danach zu reduzieren. “Wofür brauchen wir acht Scheren?”, “Wieso hebe ich die teuere gelbe Leggings auf, obwohl ich sofort bemerkt habe, dass ich damit wie Daisy Duck auf Stelzen aussehe?” Weg damit.

Ich versuchte auch mein Kaufverhalten radikal zu ändern. Nicht mehr nach Masse, sondern nach Klasse einzukaufen. Wieso beim Black Friday zehn günstige Dinge kaufen, die man gar nicht gebraucht hat, wenn man von dem gesparten addierten Geld, auch gleich etwas anschaffen könnte was man wirklich schon lange haben will.

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Ich fing irgendwann an mir die Geldsummen, die ich durch rechtzeitig gestoppte Impulsivkäufe sparte aufzuschreiben und zu addieren. So wurde mir erst bewusst, wie sehr sich kleine Beträge läppeln können und was man letztendlich davon hat – Lauter Sachen, die man mal irgendwie hätte gebrauchen können. Dabei sollte man sein Leben mit Sachen füllen die man wirklich will und braucht.

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Das Zuhause sollte ein Ort sein, an dem man die Dinge problemlos findet, die man tatsächlich gebrauchen kann. Die vier kaputten Armbanduhren in der Schublade gehören entweder repariert oder verschenkt, sonst liegen sie dort mit Sicherheit noch einige weitere Jahre. Einfach anfangen und Ballast los werden. Die Dinge die uns wirklich viel Wert sind, kommen in einem reduzierten Raum umso schöner zu Geltung. Ein aufgeräumtes Zimmer ist auch nur ein leerer Raum ohne Erinnerungsstücke. Und vor allem: Holt eure Sachen aus den Kisten! Erst neulich fand ich einen Stickerbogen, den ich nun seit über zehn Jahren aufgehoben hatte. Ich wollte sie für den richtigen Moment aufsparen. Der richtige Moment ist -jetzt-.